Warum Zahnseide?
Warnungen vom Zahnarzt:
Zahnseide schützt viel mehr als nur die Zähne
Jane. E. Brody
New York Times Service
NEW YORK
Allein das Wissen, dass ich in den kommenden Jahrzehnten vielleicht meine Zähne verliere, reicht nicht aus, um mich dazu zu bringen, jeden Tag Zahnseide zu benützen. Ich lasse zwar dreimal jährlich die professionelle Zahnreinigung über mich ergehen und strenge mich auch an, eine etwas bessere tägliche Putzleistung zu erbringen; trotzdem stehe ich mit diesem kleinen 25-cm- Stück Faden auf Kriegsfuß. Vor kurzem habe ich gelernt, dass es erheblich mehr gibt als Zahnerhaltung, worüber man sich Sorgen machen sollte.
Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Zahnfleischerkrankungen - Parodontitis - Gesundheitsprobleme an anderen Stellen im Körper verursachen oder verschlimmern. Vielleicht werden diese neu aufkeimenden Erkenntnisse über die Verbindung zwischen Parodontitis und diese ernsthaften, oft tödlichen Erkrankungen dazu führen, dass wir der Gesundheit unseres Zahnfleisches und dem Kieferknochen, die die Zähne stützen, mehr Aufmerksamkeit widmen.
Mehr als 400 verschiedene Bakterien leben im menschlichen Mund, viele davon können das Zahnfleisch und den Kieferknochen entzünden. Gingivitis - eine Krankheit, die das Zahnfleisch blutend und wund macht, wenn es irritiert wird, ist in der Regel die erste Stufe der Parodontitis, eine Krankheit, unter der Millionen Amerikaner leiden. Mehr als die Hälfte der High - School Studenten haben Gingivitis. Nach und nach, wenn das infizierte Zahnfleisch sich von den Zähnen zurückzieht, bilden sich weiter vertiefende Taschen, die der Infektion den Weg bereiten und im weiteren Verlauf den darunter liegenden Knochen auflöst und somit die Zähne in ihren Sockeln lockert.
Ca. 15% der erwachsenen Amerikaner haben fortgeschrittene Parodontitis und stehen in Gefahr, ihre Zähne zu verlieren. Ein großer Teil der Bevölkerung der US-Amerikaner über 60 haben alle Zähne wegen Parodontitis verloren. Studien zeigen aber, dass nicht nur die Zähne durch diese Munderkrankung gefährdet sind. Infektionen des Mundgewebes gelangen leicht in den Blutkreislauf. Zähneputzen, Zahnseide und sogar das Kauen können eine körperüberflutende Sepsis verursachen, wenn die Parodontitis fortgeschritten ist.
Die Menschen denken bei der Zahnfleischentzündung nur an ihre Zähne. Sie wissen nichts von der Tatsache, dass Parodontitis eine gefährliche Infektion ist, die Bakterien in den Kreislauf bringen kann", sagt Robert Genco, Redakteur des Journal of Periodontology und Professor für orale Biologie an der State University of New York in Buffalo.
"Das Endergebnis könnte ein zusätzliches Gesundheitsrisiko für Leute sein, dessen Gesundheit bereits von anderen Erkrankungen angegriffen ist - oder zu ernsthaften Komplikationen dieser Krankheit führen."
Vor einem Jahrhundert führte eine vermutete Verbindung zwischen Parodontalerkrankungen und rheumatische Arthritis dazu, dass die Zahnärzte bei Verdacht auf Rheuma alle Zähne der Patienten zogen, in der Hoffnung, die Arthritis damit zu heilen. Wie es sich in nachhinein herausgestellt hat, ohne Erfolg. Die Auswirkungen dieses falschen Glaubens verhinderte für Dekaden jede Forschung über die Verbindung zwischen Parodontitis und andere Krankheiten. Die aktuelle Wiederaufnahme dieses Forschungszweiges jedoch hat einige erschreckende Hinweise zu Problemen wie Herzerkrankungen und Schlaganfälle, Diabetes, Lungenentzündung und Frühgeburten aufgedeckt.
Herzerkrankungen: Vorausgesetzt, dass alle andern Faktoren gleich bleiben, bekommen Personen mit Parodontalerkrankungen tödliche Herzattacken eineinhalb bis zwei Mal häufiger, Schlaganfälle bis zu drei Mal häufiger als die ohne Zahnfleischprobleme. Die Neigung zu Herzinfarkt ist dann besonders stark bei Patienten unter 50 Jahren. Studien haben gezeigt, dass chronische orale Infektionen die Ursache für die Entwicklung von verstopften Arterien und Blutgerinnsel sein können. Von oralen Bakterien produzierte Substanzen gelangen in den Blutstrom und können dort eine Kettenreaktion auslösen, die zu einem Aufbau von arteriellen Ablagerungen führen. Und viele der Bakterien der normalen Mundflora können die Bildung von Blutgerinnsel einleiten und damit die Herztätigkeit zum Stillstand bringen.
Diabetes: Man hat schon länger gewusst, dass Diabetes bei den Leuten zu einer größeren Anfälligkeit gegenüber bakteriellen Infektionen führt, inklusive Infektionen im oralen Gewebe. Neuere Untersuchungen allerdings zeigen, dass Parodontitis Diabetes verschlimmern kann. Diabetespatienten mit schwerer Parodontitis haben größere Probleme einen normalen Blutzuckerspiegel zu erhalten; umgekehrt reduziert eine Parodontitisbehandlung den Bedarf an Insulin. Experten drängen darauf, dass sämtliche parodontale Entzündungen bei Diabetikern eliminiert werden, insbesondere weil eine solche Behandlung die Gefahr einer Schädigung des Auges (der Retina) und einer Arterienerkrankung, die häufig Folgen der Zuckerkrankheit sind, stark reduziert.
Lungenentzündung: Bakterielle Lungenentzündung entsteht, wenn Bakterien aus Mundhöhle und Rachen in die Lunge inhaliert werden und das Immunsystem sie nicht schnell genug eliminieren kann. Mehrere Mikroorganismen, die Lungenentzündungen hervorrufen, sind in dem infiziertem Gewebe bei Patienten mit Parodontalerkrankungen zu finden. Bei anderen Atemwegserkrankungen, wie chronische Bronchitis und Emphysem können Komplikationen auftreten, wenn eindringende Bakterien aus oralen Infektionen inhaliert werden.
Frühgeburten: Es ist schon länger bekannt, dass Infektionen im Beckenbereich vorzeitige Wehen auslösen und untergewichtige Babys verursachen können. Die Entzündungen führen zu größeren Mengen von Substanzen wie z.B. Prostaglandin E-2, welches Wehen auslösen kann. Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass auch orale Infektionen Frühgeburten auslösen können. Parodontalbakterien produzieren Moleküle, die genauso wehen-auslösendes Prostaglandin ausschütten können. Eine Studie belegte, dass die Wahrscheinlichkeit bei Müttern frühgeborener Babys eine massive Parodontitis vorzufinden sehr viel höher ist als bei Müttern normalgewichtiger Babys, obwohl sonst keine Prädisposition für eine Frühgeburt vorlag.
Prävention fängt beim Schutz und Aufbau des Knochens an. Das bedeutet, dass man für ausreichende Kalziumzufuhr durch die Ernährung vor 30 sorgen muss, wenn der langsame Knochenverlust einsetzt. Patienten mit Osteoporose verlieren Knochen im Mund sowohl in der Hüfte als auch im Rückgrat, und Frauen nach der Menopause, die keine Hormonsubstitution bekommen, haben ein stark erhöhtes Risiko an Parodontitis zu erkranken. Prävention bedeutet aber auch die tägliche Routine beim Putzen und Reinigen mit Zahnseide oder Interdentalbürsten und die professionelle Zahnreinigung - mindestens zweimal jährlich.
Denken Sie daran, dass Anfangsstadien von Parodontitis meistens keine Symptome, keine Schmerzen verursacht. Die amerikanische Academy of Periodontics versorgt Sie mit Informationen über die Verbindung zwischen Parodontitis und andere Erkrankungen über das Internet Adresse: www.perio.org , wo ein Spezialist der Akademie Ihre Fragen beantworten wird - allerdings nur in Englisch.
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